Autorin Nina George

Die Möglichkeiten in meinem Metier zu scheitern sind unbegrenzt. Denn jedes Manuskript hat einen bunten Strauß an risikoreichen Katastrophenpotenzialen:
Wird der Verlag das Buch einkaufen, zu einem würdevollen Garantiehonorar – das für Debütantinnen bei Publikumsverlagen bei 300 bis 10.000 Euro liegt, bei Kleinverlagen und Digital Only-Imprints zwischen nix und 1500, oder bei Midlistern oft am Vorerfolg gemessen wird – oder einen Vorschuss gewähren, der mir mitteilt, dass ich C-Ware bin?
Wird mein Buch ein anständiges Cover erhalten oder doch eher nur einen Obst-Gemüse-Kräutersträuße-Frau-am-Strand-Umschlag aus der Routinekiste des Zielgruppen-Marketings?
Wie sehr wird meine Lektorin mich demütigen, wie sehr gehe ich ihr auf den Geist mit meinem: „Nein, diese Tätowierung ziert nicht, sie zeichnet den Arm der Frau, das ist ein brutaler Akt, eine selbstzugefügte Verletzung und deswegen dieses Wort und kein anderes!“ Wird der Vertreter in der Buchhandlung mehr als sechseinhalb Sekunden damit verbringen, den Roman zu pitchen: „Das ist was für Ihre ältere Kundschaft. Nehmen Sie fünf Stück!“?
Wird die Buchhändlerin ordern und wenn ja wieviele: „Oh, lieber nur eins, ich hab unter „G“ noch so viel stehen.“? Werden Leserinnen es verreißen: „Ich dachte, es ginge beim Lavendelzimmer um Renovierung, stimmte gar nicht, fünf Sterne Abzug!“ Werden sie auf Piraterieportalen für umme tauschen? Zu jedem Buch existieren 5-6 Links im Web, etwa ein Viertel aller Ebook-Leser wählt vermehrt illegale Quellen statt legale.
Werde ich die Deadline schaffen oder muss ich, wie bei allen 26 Büchern bisher, die Phase der verkrampften Leere und den Verlust des Fokus durchschwimmen?

Autorinnen. Schriftstellerinnen. Das sind die, von denen Friedenspreisträgerin Margaret Atwood sagte, sie seien wie ein toter Elch, von dem sich noch ein Dutzend weiterer Lebensformen ernährten.
Die Autorin: Das ist mein poröses, hoffnungsvolles, begabtes, unfertiges, immer noch lernendes, unberechenbares Ich, das ist die Quelle von allem. Zwei Jahre pro Roman; denken, recherchieren, fühlen, fokussieren, einschreiben, verwerfen, durchschreiben, überarbeiten, verwerfen, neu ansetzen … Ohne meinen Einsatz hätten Verlage nichts zu drucken und nichts zu verdienen, auch wenn jeder zweite Vorschuss sich nicht einspielt. Lektorinnen hätten nichts zu veredeln, die Druckerei wäre tot, es gäbe keine Buchhandlungen, Bibliotheken, Filme, keine Feuilletonredakteure, keine Cosplaykostümnäherinnen und keine Kulturpolitik, kurz: Ohne Geschichtenerzählerinnen gäbe es mehr als die Hälfte der Welt nicht, wie wir sie kennen.

Am Anfang ist das Wort und Autorinnen sind der Ursprung der Welt. Das ist ein erhebender Gedanke. Hilft beim Schreiben nur leider überhaupt nicht. Beim Schreiben hilft nur: Handwerk. Disziplin. Resilienz. Und das Alter. Ja, das Alter: Die Summe von erlebten, durchfühlten, überdachten Sehnsüchten, Lebensschmerzen, politischen Umwälzungen, Alltagswissen ist einfach höher und damit gleichsam der Steinbruch, aus dem ich Themen, Figuren und Sprache schlage.
Aber kann man das lernen? Ist ein guter Aufsatz schon der Beginn einer Alice-Munro’schen Karriere? Nein. Aber er könnte ein Hinweis sein. Leider hat in Deutschland das Erlernen des fiktionalen Schreibens keine Tradition als Lehrinhalt. Was mit der Attitüde unserer Gesellschaft zusammenhängen mag, die auf Künstlerinnen immer noch herabschaut, solange sie keine Megastars sind, und dann immer noch auf sie herabschaut, weil sie ja nur ihr Hobby zum Beruf gemacht haben. Denn Talent! Talent ist doch Lotterie, eigentlich ungerecht. Geschichtenerzählen muss gelernt werden. Dramaturgie, Handlungssog, psychologische Nachvollziehbarkeit der Figuren. Humor!, ja, auch Humor kann und muss man lernen, denn er hat viel zu tun mit Wahrheit, Schmerz und dem Pinguineffekt. Dann wären da auch noch Mikrospannung, Cliffhanger, Sinnlichkeit, Zeigen statt Behaupten. Wann Klarheit, wann Poesie? Rhythmik. Kraft. Das Leuchten in den Text transferieren, etwas wagen, sich innerlich ausziehen, bluten, aus sich selbst heraus schöpfen, amoralisch sein. Immer wieder: Handwerk und Seele. Wie denn sonst? Und wozu denn sonst?

Ich lernte aus Romanen der anderen, aus Filmen, aus Handbüchern; Kurse besuchte ich nie, die gab es erst, als ich schon meine eigenen Instrumente geschärft hatte. Es stimmt, dass man etwas frühestens dann beherrscht, wenn man es 10.000 Stunden getan hat. Mein Heimvorteil: Ich war bereits mit 18 Redakteurin und lernte zu schreiben. Als ausgebildete Journalistin kann ich Inhalt und Ästhetik abstrahieren, kürzen und Kritik am eigenen Text üben. Ich habe in 26 Jahren eine sichere innere Stimme ausgeformt in meinem professionellen Schreiben, das heißt: mich der Veröffentlichung und damit Rezeption, Auseinandersetzung und auch Ablehnung gestellt.

Die meisten meiner Kolleginnen sind Quereinsteigerinnen aus allen Berufen. Polizistinnen, Wirtschaftsanalytikerinnen, Halbtagskräfte in der Logistik. Und, ja, das Talent des Geschichtenerzählens ist demokratisch verteilt; es liegt vermutlich sogar in jedem Menschen. Jeder, der lügen kann, jeder, der eine Anekdote aus seinem Leben beim Smalltak berichtet, greift auf die Kulturtechnik des Geschichtenerzählens zurück, es gehört zur menschlichen Spezies.

Aber ob Disziplin und Resilienz auch demokratisch verteilt sind? Denn das benötigt die Berufsautorin am meisten: Disziplin. Man schreibt nicht nebenbei. Genauso wenig, wie ein Rohmanuskript in Erstfassung schon ein Buch ist. Und Resilienz: Das Scheitern liegt in der DNA des Künstlerinnendaseins. Wir dealen mit ständiger Ungerechtigkeit: Es reicht nicht gut zu sein. Du musst einen Nerv treffen, zielsicher und anhaltend. Fifty Shades of Grey passiert das genauso wie einem Meyerhoff, obgleich, stilistisch gesehen, mehrere tausend Qualitätsmeilen zwischen ihnen liegen. Und anderen passiert es einmal und nie wieder, und sie fragen sich, was sie an dem einen Punkt richtig gemacht haben.
Nur: Richtig oder falsch gibt es in der Literatur leider nicht.

Ich bin der Ursprung der Bücherwelt. Aber ich bin nichts ohne die, die diesen Ursprung sichtbar machen, lesbar, fühlbar, hörbar: Das ist das Orchestrat der Veredelung, des Vertriebs, der Präsentation, der Empfehlung, Förderung, Auseinandersetzung und Rezeption. Meine Melodie wird nur hörbar, weil das Buch-Orchester sie weiter spielt und hinausträgt in diese Gegenwart, in der ich bin, heute so und morgen eine andere.

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