Die Herstellerin Michaela Lichtblau

Im Alter von sechs Jahren las ich Wir Kinder aus Bullerbü und fasste ich einen Entschluss: Ich werde Schriftstellerin. Die Begeisterung für Bücher hielt an. Als aber der Zeitpunkt nahte, an dem ich einen Beruf ergreifen sollte, meinten meine Eltern, ich sollte doch lieber etwas »Ordentliches« lernen. Ich überlegte und wählte schließlich den goldenen Mittelweg – ich wurde Herstellerin.
Ich machte erst einmal eine Verlagslehre. Von Herstellerinnen und deren Aufgabengebiet war mir – wie den meisten Nicht-Büchermenschen – erst einmal nichts bekannt. In meiner Ausbildung erfuhr ich dann sehr bald: Die Herstellerin, das unbekannte Wesen, trägt dafür Sorge, dass ein Text ästhetisch aufbereitet und anschließend in eine Form gebracht wird, in der er an die Leserin weitertransportiert werden kann; dies unter Berücksichtigung wirtschaftlicher, ästhetischer und technischer Aspekte. Klingt trocken – ist es aber nicht!
Es war Anfang der 1980er-Jahre und alles ging noch ganz klassisch zu. Grundlagen der Tätigkeiten waren – und sind immer noch – die drei Säulen Kostenüberwachung und -kontrolle Gestaltung/technische Durchführung Terminüberwachung und -kontrolle. Wir Herstellerinnen waren Allrounderinnen: Wir haben Kalkulationen erstellt, mit Setzereien, Druckereien und Papierfabriken verhandelt und Aufträge erteilt. Wir haben Material (Papier, Bezugsleinen, Prägestempel) bestellt, Layouts entworfen und deren Umsetzung begleitet, Termine, Kosten und alle Abläufe von der Übergabe des redigierten Manuskripts durch das Lektorat bis zur Anlieferung der fertigen Bücher durch die Druckerei/Binderei überwacht. Die Ersten von uns begannen in jener Zeit, die Bücher am PC selbst zu setzen. Damit nahm eine Entwicklung ihren Anfang, die bis heute noch in vollem Gang ist und gerade in Schwung kommt: der digitale Wandel. In vielen Verlagen wurden immer mehr Arbeiten, die vorher von spezialisierten externen Firmen wahrgenommen worden waren, im Haus von den Herstellerinnen ausgeführt. So gehören heute nicht mehr nur das Entwerfen von Layouts, sondern auch das Setzen der Inhalte, die Bildbearbeitung, teilweise das Erstellen von Illustrationen und jede Menge digitales Know-how zu den Aufgaben und zum Rüstzeug einer Herstellerin.
Daher werden die Herstellungsaufgaben häufig aufgeteilt: Die kaufmännischen Abläufe werden von Einkäuferinnen in der Herstellung erledigt, alles Grafische sowie das Herstellen von E-Books und produktionsfähigen Daten für die Druckerei fällt den Produktionerinnen oder Mediengestalterinnen zu.
Mich fesselte von Anfang an der kreative, praktische Aspekt und so verabschiedete ich mich von meiner geplanten Schriftstellerinnenkarriere zugunsten einer Schwerpunktausbildung in der Herstellung im Verlag. Auf diesem Weg konnte man früher diesen Beruf erlernen. Mit etwas Glück kann man auch heute noch auf diese Weise einsteigen; in der Regel wird aber inzwischen eine spezielle Ausbildung als Mediendesignerin (Print und/oder Digital) oder ein Fachstudium verlangt. Was braucht frau sonst noch? Neben einem Blick für Ästhetik und Spaß am Gestalten sollte unbedingt auch die Fähigkeit zu genauem, strukturierten Arbeiten vorhanden sein, Organisationstalent, eine große Portion technische Affinität und Lust auf immer wieder Neues, besonders Digitales. Unabdingbar ist eine gewisse Belastbarkeit, denn da die Herstellerin die letzte Station des werdenden Buches im Verlag ist, kommt ihr nicht selten die ehrenvolle Aufgabe zu, den Zeitverlust wieder aufzuholen und die Termine einzuhalten, die vorher aus den unterschiedlichsten Gründen und mit immer wieder überraschenden Ausreden überschritten wurden – damit die Druckerei dann schließlich doch noch den festgelegten Erscheinungstermin halten kann.
Der Alltag einer Herstellerin ist abwechslungsreich: Jedes Buch ist anders, meine Arbeitstage immer wieder unterschiedlich. Wie ein Tag verläuft, hängt jeweils davon ab, in welchem Entwicklungsstadium sich die Bücher, an denen ich arbeite, gerade befinden. Der typische Werdegang eines Buches an meinem Arbeitsplatz sieht etwa so aus: Zuerst bekomme ich das redigierte Manuskript aus dem Lektorat. Diese Datei versehe ich mit einer technischen Struktur und bringe die Inhalte dann entsprechend dem Layout, das ich entworfen habe, in eine ansprechende Form – den Umbruch. Dieser Umbruch geht anschließend ins Korrektorat und parallel zur Kontrolle an die Autorin. Etwa zwei Wochen später bekomme ich ihn zurück und korrigiere in der Datei die eingezeichneten Fehler bzw. Änderungen. Dann erfolgt die Revision, das heißt, das Buch wird ein zweites Mal Korrektur gelesen. Zum Schluss führe ich die letzten Korrekturen aus, erstelle daraus das E-Book und die Print-Datei für die Druckerei.
Für mich ist die ansprechende Innengestaltung eines Buches wie das Bühnenbild einer Theaterinszenierung. Layout, Schrift, Überschriften, Schmuckelemente sollen die Stimmung des Textes widerspiegeln, sodass die Leserin sich schon mitten in der Geschichte findet, sobald sie das Buch geöffnet hat – noch bevor sie zu lesen beginnt. Es macht mir immer wieder großen Spaß, einem Text die ihm gebührende und zu ihm passende Bühne zu bereiten.
In Zukunft wird es für Herstellerinnen noch sehr viel mehr auf umfassende Qualifikation ankommen. Es zeichnet sich ab, dass noch mehr Abläufe automatisiert werden und Herstellerinnen sich intensiver in den Bereichen Ästhetik und Gestaltung spezialisieren – Bereichen, die Computer noch nicht übernehmen können. Sie werden Setzerinnen, Mediengestalterinnen, Grafikdesignerinnen und Grafikerinnen in Personalunion sein. Zudem werden die Erscheinungsformen der Inhalte sich wandeln, digitale Formen mehr in Erscheinung treten – ohne digitales Know-how wird es nicht mehr gehen und ohne ständige Weiterbildung auch nicht. Als technischer Schnittstelle kommt der Herstellerin außerdem die Aufgabe zu, Kontakte zu Softwareherstellern aufzubauen und zu halten und an der Weiterentwicklung branchenspezifischer Tools mitzuwirken. Das alles ist heute schon Praxis und wird in Zukunft noch verstärkt zum Tragen kommen.
Michaela Lichtblau, 23.01.2018

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