Vom Leiten eines Künstlerhauses Nora Gomringer

Künstler – das ist ein magisches Wort. Es ruft Belustigung, Neugierde, Augenrollen, Aggression und Faszination hervor. Die meisten haben auch gleich einen Bild-Eindruck parat: den armen Poeten von Spitzweg, den auf dem Diwan präsentierten Goethe oder Jonathan Meese, der mit aufgerissenen Augen in eine Kamera starrt, wenigen steht eine Ausdruckstänzerin à la Isadora Duncan vor dem inneren Auge.
Wenn ich sage, dass ich ein Haus voller Künstler betreue, werde ich mitleidig angeblickt und meine Aufgabe wird gedanklich mit „Hausmutter“, „Sack-voll-Flöhe-Hüten“ und „Villa Kunterbunt“ verlinkt. Kaum einer erwähnt Schlagwörter wie Biographien, Internationalität, Honorare, Budgets, Gelingen, Preise, Einfluss, Ausstrahlung. Aber tatsächlich ist genau das mein Geschäft.
Seit 2010 habe ich die Ehre, das „Internationale Künstlerhaus Villa Concordia“ in Bamberg mit vier festen Mitarbeitern und einer manchmal besetzten Volontärsstelle zu leiten, dazu kommen Hilfskräfte, die beim Schleppen, Einrichten, Hängen von Ausstellungen, Durchführen von Abendveranstaltungen behilflich sind. Garten und Reinigung werden von Firmen übernommen, die gesamte Instandhaltung der kleinen Dienststelle des Freistaats Bayern mit Siegel und Schloss besorgt in Absprache mit mir das Staatliche Bauamt.
Bis zu 24 Komponisten, Bildende Künstler und Autoren können im Künstlerhaus in Bamberg im Laufe eines Jahres untergebracht werden, gleichzeitig sind es immer 12 Stipendienplätze, wobei die Hälfte an deutsche, die andere Hälfte an Künstlerinnen und Künstler aus einem anderen Land vergeben werden. Im Jahr 2017/18 habe ich deutsche und griechische Künstler zu Gast. Familienmitglieder sind mir sehr willkommen, denn es hat sich herausgestellt, dass, wer mit Familie einzieht, die Wohnungen in der Regel besser in Stand hält. Ja, strenge Vermieterin bin ich qua Amtes auch. Der Betrieb wird komplett finanziert durch eine jährliche Haushaltszuweisung; Drittmittel sind immer willkommen, aber nicht zwingend notwendig, um unseren Betrieb zu sichern. Wir dürfen beschenken – nicht nur die Stipendiatinnen und Stipendiaten, die jährlich vom Ministerium für Kunst in Bayern eingeladen werden, sondern auch unser Publikum und davon haben wir reichlich, was die Künstler freut und oft genug verblüfft.
Wenigen erfolgreich arbeitenden Künstlerinnen und Künstlern ist es vergönnt, Kolleginnen und Kollegen durch finanzielle und ideelle Unterstützung in die Lage zu versetzen, weiterhin Kunst entstehen zu lassen. Ich bin Teil eines Systems der Förderung, das sich bemüht, Exzellenz auszuzeichnen und zu stützen. Die Auszeichnung mit dem Aufenthalt im Künstlerhaus setzt in der Regel dort an, wo die Förderung durch Stipendien aufhört, altersmäßig betrachtet: mit 40. Das Alter, ab dem man dann auf Preise hofft und künstlerische Karrieren bisweilen empfindlich einknicken.
Und so möchte ich den Aufenthalt im Künstlerhaus auch eher als einen Preis auf das bisher geschaffene Gesamtwerk verstanden wissen. Alle Stipendiaten erhalten eine monatliche Zuwendung sowie eine möblierte Wohnung, die Komponisten und Bildenden Künstler zusätzlich noch ein Atelier. Die einzige erwartete Gegenleistung für diese Gaben ist Aufenthalt: Wir wünschen uns, dass die Stipendiaten ihre Nadel in den Globus dort einstechen, wo „Bamberg“ steht und für die Dauer ihres Aufenthaltes ihre Kreise von diesem Ort aus ziehen. Wir bieten ihnen Gelegenheit, einen öffentlichen Porträtabend durchzuführen und haben dafür ein gewisses Budget, der Rest der bis zu 100 Veranstaltungen im Jahr wird aus der Zusammenarbeit mit Alumni des Programms, das seit 1998 Künstlerinnen und Künstler betreut, gestaltet. Damit wir nicht wie der sprichwörtliche Elfenbeinturm in der Landschaft stehen, sondern interessiertes Publikum herausfinden kann, was bei uns geschieht, öffnen wir uns so viele Tage und Abende im Jahr, mache ich uns gläsern, indem ich überall und immer von dieser Einrichtung erzähle – hoffentlich ohne von der Magie des Ortes, die es durchaus gibt und die zu allem Gelingen beiträgt, zu verraten – und ermuntern wir Stipendiaten, sich am kritischen Dialog zum Thema der Sinnhaftigkeit solcher Einrichtungen zu beteiligen.
Die gute Zusammenarbeit mit Unis, Schulen, Museen und nicht zuletzt dem Ministerium ist lebhaft und wichtig. Unser Inhalt ist die Kunst in vielen Facetten. Meine direkten Arbeitsinhalte sind die Verwaltung der Gelder, die Instandhaltung der Infrastruktur, die Kommunikation zwischen Mitarbeitern und Künstlern und die Entscheidungen über die Kommunikation nach außen, was die Inhalte unserer Einrichtung betrifft. Kaum eine Woche vergeht, in der ich nicht Reden schreibe oder Veranstaltungen moderiere, die im Zeichen unserer Stipendiaten stehen. Dadurch entsteht ein Netzwerk, dessen Pflege vielleicht die größte Herausforderung bedeutet, denn Förderer und Freunde wollen bedacht und bedankt sein, Übersetzerinnen und Übersetzer gesucht und gesehen werden, andere Künstlerhäuser kontaktiert und befreundet werden, die Social-Media-Plattformen mit Content bestückt sein. Das alles bisweilen auf Englisch und auf Deutsch.
In Vielem geht es darum, die Gäste des Freistaats Bayern zu Freunden Frankens zu machen – so flapsig hab ich es schon oft formuliert. Nur so aber kann es gelingen, dass Institution und Künstlerschaft von den Bürgern vor Ort wahrgenommen und akzeptiert werden. Da die Stipendiaten aufgrund der Wohnsituation in drei Gebäuden so isoliert, aber auch so integriert leben können, wie sie es selbst bevorzugen, ist nicht immer gegeben, dass alle bemerken, in welcher Stadt sie eigentlich angelangt sind. Wir helfen beim Einleben, stellen Kontakte her, verbinden, empfehlen und versuchen, den Übergang von einer Lebenssituation in die andere, nämlich ins Ankommen in einer 72000-Einwohner-Stadt zu erleichtern. Für manchen ist es nach einer Weile zu klein, dieses barocke und auch mittelalterliche „Bambitown“, für andere ist es ideal und so sind schon ein paar Stipendiaten nach ihrem Aufenthalt im Künstlerhaus Bürgerinnen und Bürger der Domstadt geworden, denn warum aufgeben, was einem so lieb geworden ist. Meine eigene schriftstellerische Arbeit trenne ich weitestgehend von meiner Aufgabe als Direktorin ab. Nur in den Social Media fließt es bisweilen zusammen. Es gibt Künstler, die nach einem Jahr unser Haus verlassen und nicht wissen, dass ich selbst Autorin bin – und das ist gut so. Mit allen Mitarbeitern stelle ich mich gerne in den Dienst der Sache und unsere Sache ist die Kunst und ihre Vermittlung. Nicht anbiedernd, pädagogisch, didaktisch, sondern durch Betrachtung und Wirkung. Wir sind Plattform, Agora für Begegnungen, wir sind aber auch Wohnhaus mit großem Garten und deshalb jetzt wieder psssst! und rausgeschlichen! Hier wird gearbeitet!

Nora-Eugenie Gomringer, Januar 2018

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