Lektorin Susanne Zeyse

Ich bin Lektorin für Belletristik.

Meine Aufgabe ist es, einen Text runder und lesbarer zu machen – immer im Sinne der Autor*innen. Ich kümmere mich um Sprachmelodie, Kohärenz, Rhythmus, Logik, Sprachbilder, manchmal auch Recherche, Dramaturgie und Ja! auch Rechtschreibung und Zeichensetzung – eben alles, was einen Text ausmacht, damit das fertige Buch ohne Stolpersteine gelesen werden kann. Jedes Buch ist anders, jeder hat seine besondere Stimme – die zu erspüren macht mir auch nach zwanzig Jahren immer noch und immer wieder Freude.

Bei der Entstehung eines Buches ist das Lektorat zwischen Autor*in und dem Korrektorat angesiedelt. Wer diesen Job machen möchte, sollte vor allem ein gutes Sprachgefühl mitbringen, Einfühlungsvermögen im Umgang mit Autor*innen, Geduld mit Texten, Disziplin und die Fähigkeit für sich allein zu arbeiten. Kenntnisse in Word, Papyrus und InDesign gehören auch dazu. Ach so, und die neuesten Duden sollte man besitzen, ich nutze den gelben (Rechtschreibung) und den grünen (Richtiges und gutes Deutsch), die anderen eher nicht.

Wie bin ich Lektorin geworden? Mein Weg war ziemlich direkt: Ich habe Literaturwissenschaft in Tübingen, Oklahoma und Oregon studiert, mit Schwerpunkt Anglistik und Amerikanistik, und in den Semesterferien verschiedene Verlagspraktika absolviert, unter anderem beim Oetinger Verlag in Hamburg und beim Claassen Verlag in Düsseldorf. Nach meinem Magister habe ich dann in der Buchredaktion von Reader's Digest in Stuttgart als Lektorin angefangen. Ich bin dort durch eine harte Schule gegangen und heute sehr froh darüber – erstaunlich, was ich nach einem ganzen Studium noch über erzählende Texte zu lernen hatte. Nach einigen Jahren Festanstellung habe mich dann als freie Lektorin selbstständig gemacht.

Wie sieht mein typischer Arbeitstag aus? Er hat sich parallel zu den Familienaufgaben entwickelt: Als meine beiden Kinder klein waren, habe ich zu Hause gearbeitet und sehr früh angefangen. Vor der Schule. Dann Frühstück mit der Familie und weiter mit dem Lektorat. Inzwischen studieren meine Töchter und ich bin in einer tollen Bürogemeinschaft mit drei Kolleginnen. Mein Tag beginnt jetzt später, ich arbeite aber auch oft länger.

Wie viel Arbeitszeit ich in ein Buch stecken muss, hängt von verschiedenen Faktoren ab: Wie gut ist es geschrieben? Ist es ein komplexer Text oder Genre? Übersetzungslektorat oder Erstling? Wie ist meine Tagesform? Ich muss mir einen Text genau anschauen, um ein realistisches Honorar berechnen zu können. Dafür ist das (bei mir kostenlose) Probelektorat von ein bis zwei Seiten eine gute Möglichkeit. Die Kund*innen wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie mit mir arbeiten, und ich kann es auch besser einschätzen, als wenn ich einen Text nur lese. Die Honorare berechne ich nach der Euronormseite, aber sie sind leider immer knapp bemessen, vor allem die Verlage zahlen recht sparsam. Bei freien Autor*innen verlange ich mehr, muss aber auch mehr Zeit einplanen.

Kann ich davon leben? Es könnte besser sein. Wie bei allen Selbstständigen bewegt es sich zwischen viel (oder auch zuviel) Arbeit und genug Geld und plötzlichen Flauten.

Ich bin noch immer sehr gern Lektorin, weil ich mit interessanten Menschen zu tun habe und trotzdem in Ruhe arbeiten kann. Das ist für mich ideal. Mir macht es Spaß, mich in Texte hineinzudenken und einer Erzählstimme nachzuspüren, und mir macht es genauso viel Spaß, auf den Buchmessen oder Buchveranstaltungen in Berlin über Literatur zu reden und Buchmenschen kennenzulernen.

Inzwischen ist zu der stillen Arbeit am Text auch das Unterrichten der angehenden Autor*innen im Schreibhain Berlin gekommen. Ich kann jetzt viel von dem weitergeben, was ich in den vielen Jahren der Textarbeit gelernt habe. Das ist wunderbar.

Berlin, 15.4. 2018, Susanne Zeyse

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